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03.04.2017

Digitalisierung hat nur am Rande mit IT zu tun

Digitalisierung ist im Wesentlichen ein Umdenken-Prozess. Es ist nicht damit getan, dass man eine Software einführt und damit dann digitaler arbeiten kann. Immer wieder fragen mich Kunden, welche Software sie denn einsetzen müssten oder wie ihre IT-Abteilung umgestaltet werden müsste, um zukünftig digitaler zu sein. Dabei setzt Digitalisierung schon viel früher an. Denn wir müssen auf der einen Seite sehen, dass sich etwas ändern soll und eine Änderung erfolgt nicht nur ein in der IT. Digitalisierung ist kein Releasewechsel, sondern es ist schon fast eine Philosophie.

Turn

Es fängt ganz oben in der Geschäftsführung an, die zunächst einmal erkennen muss, dass sie etwas ändern möchte und dann lässt sich diese Entscheidung nicht einfach wegdelegieren, in dem man jemanden beauftragt, das Unternehmen „digital ready“ zu machen. Sondern es ist etwas, bei dem man am Ball bleiben muss. Es ist ein Prozess der Umstrukturierung eines Unternehmens, wenn man so will. Wobei Umstrukturierung sich jetzt nicht auf Geschäftsmodell oder Arbeitsweisen bezieht. Natürlich müssen Arbeitsweisen schon angepasst werden, aber es sind keine Umstrukturierung im Sinne von „wir machen jetzt alles anders“. Im Wesentlichen soll das Geschäftsmodell schließlich bestehen bleiben.

Das, was man ändern möchte, ist die Art und Weise, wie man es umsetzt. Das hört sich jetzt ein bisschen kleinkariert an, aber genau an der Stelle muss man auch ansetzen. Nur wer klar weiß, was er denn ändern will oder wo er den hin möchte, kann diese Änderung auch vollziehen. Tatsächlich ist das genau die Schwierigkeit bei der Umsetzung der Digitalisierung. Das ist eben nichts, was man mal eben von heute auf morgen macht oder was mal eben durch ein kleines Projekt erledigt. Deswegen ist es auch so schwierig, zu erklären, was denn Digitalisierung überhaupt ist und was genau dahinter steckt.

Wo will ich denn eigentlich hin?

Digitalisierung ist ja letztlich erst mal nur ein großer Überbegriff. Digitalisierung bedeutet immer, zunächst mal eine Vorstellung davon zu haben, an welchen Stellen man denn etwas verbessern möchte. Denn letztlich ist es nicht etwas anders machen - das kann man auch so jederzeit tun - sondern etwas verbessern, etwas effizienter oder effektiver gestalten. Im Wesentlichen fallen darunter Arbeitsprozesse. Etwas, das man heute manuell macht, lässt sich durch den aktuellen Stand der Technik auch automatisieren. Die Befürchtung, dass an der Stelle Arbeitsplätze wegfallen, so wie man es in den Medien immer wieder hört, ist aus meiner Sicht völlig unbegründet. Denn natürlich fällt ein Arbeitsschritt weg, wenn man denn automatisiert; er wird ja schließlich vom Computer übernommen. Aber man darf nicht immer nur die negative Seite sehen, sondern man muss insbesondere die positive Seite betrachten. De Zeit, in der man bisher einen Schritt manuell erledigt hat, den man jetzt nicht mehr tun braucht, weil er eben durch einen Computer oder einen Roboter übernommen wird, kann man nun viel sinnvoller nutzen, um kreative Arbeit zu erledigen. Kreativität ist etwas, das wir dem Computer noch nicht beibringen können.

Digitalisierung ist auch nicht nur das Automatisieren von Prozessen, sondern es ist auch eine Art Umdenken, bei der bestimmte Bereiche aus der IT in die manuellen Tätigkeiten übernommen werden. Was heißt das genau?

Zum einen heißt das, was man in der IT umsetzt, kann man auch selbst umsetzen. Das ist insbesondere das vernetzte Denken oder auch das Vernetzt sein. Wenn wir über Vernetzung sprechen, dann meinen wir meistens immer technische Vernetzung: Netzwerke, der Computer redet mit den Drucker über ein Netzwerk, Dokumente werden über Netzwerk von einem Unternehmen zum nächsten transportiert, Daten werden in der Cloud abgelegt. Das ist alles technische Vernetzung.

Etwas offensichtlicher wird, was ich damit meine, wenn wir über das Internet der Dinge sprechen. Da vernetzt man plötzlich Dinge miteinander, von denen man bisher gar nicht wusste, dass man sie überhaupt vernetzen kann. Und genau da fängt schon das Umdenken an. Auf der einen Seite können wir selbstverständlich alles, was in irgendeiner Art und Weise einen Computer zumindest oder eine Computer Software beinhaltet miteinander vernetzen. Das sind heute schon viele Dinge, von denen man gar nicht genau weiß, dass sie tatsächlich einen Computer beinhalten, weil sie für uns schonselbstverständlich geworden sind.

In der Logistik ist beispielsweise so, dass man dort auch Paletten mittlerweile miteinander vernetzt. Eine Palette als Ding oder Sache, wie soll die jetzt in ein Netzwerk passen? Ganz einfach, indem man ihr einen Chip aufsetzt und dann kann ich diesen Chip auslesen. Und wenn ich mir jetzt auch noch Gedanken darüber mache, was ich auf diese Palette drauf lege und auch diese Dinge jeweils mit einem Chip ausstatte, dann kann ich sehr einfach und sehr schnell feststellen, was sich genau auf dieser Palette befindet. Damit habe ich die Palette und die Waren auf dieser Palette zusammen mit dem zentralen Computersystem, also Warenwirtschaftssystem vernetzt.

Kann man Menschen auch vernetzten?

Natürlich geht das auch mit Menschen. Da ist es aber nicht so, dass man einfach einen Chip drauf klebt, sondern die Art und Weise, wie wir denken und wie wir Probleme angehen, muss sich ändern. Das ist auch ein Prozess, nämlich ein Veränderungsprozess im Denken. Und der große Vorteil dabei ist, dass er neue Lösungsansätze eröffnet. Im Wesentlichen geht es darum, dass man nicht immer nur von seinem eigenen Standpunkt aus ein Problem betrachtet. Sondern diesen Standpunkt auch mal wechselt. Das ist nicht immer ganz einfach, denn das, was wir kennen und das, von dem wir bisher wussten, dass es funktioniert, setzen wir immer wieder ein. Warum? Weil es in der Vergangenheit funktioniert hat.

Die große Veränderung mit dem vernetzten Denken bezieht sich darauf, das wir etwas ausprobieren, von dem wir nicht wissen, ob es funktioniert. Da gibt es keine Erfahrungswerte, da kann man nicht auf die Vergangenheit zurückgreifen. Aber das macht es zum einen spannend, zum anderen auch gefährlich. Denn nur mit der richtigen Herangehensweise lässt sich so etwas erfolgreich umsetzen. Und vermutlich ist das auch genau die Schwierigkeit an der Digitalisierung. Denn man muss das ganze Unternehmen etwa einem anderen Blickwinkel betrachten. Nicht mehr davon ausgehen, was es in der Vergangenheit gab und von dem man glaubt, dass das jetzt das absolute Nonplusultra ist, sondern genau das infrage stellen. Man muss ständig die Frage stellen: Kann ich noch etwas verbessern? Kann ich noch etwas besser machen? Es ist das Streben nach etwas Besserem.

Digitalisierung wird dadurch zu einem stetigen Wandel. Und Wandel ist schwierig, weil sich immer etwas ändert und man sich immer wieder auf eine neue Situation einstellen muss. Diese neue Situation ist für viele etwas überfordernd. Da werde ich immer wieder gefragt, wer kann denn so etwas? Da geht es um das Können.

Grundsätzlich kann das jeder. Neugierde ist etwas Natürliches, etwas, das Menschen schon immer innehatten. Es wird nur mit der Zeit abtrainiert, indem man sich immer auf das verlässt, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat. In Stellenbeschreibungen wird dann beispielsweise gefragt: Wir suchen jemanden der Digitalisierung kann. Das Problem an der Stelle ist aber, es kann gar keinen geben! Denn Digitalisierung kommt nicht aus der Vergangenheit, sondern der Zukunft. Wenn Sie jetzt einen Mitarbeiter aus der Zukunft suchen, viel Glück!

Was braucht man denn nun wirklich?

Was sie eigentlich brauchen, ist ein Mitarbeiter, der sich auf Neues einstellt. Digitalisierung heißt nichts anderes als Einstellung auf etwas Neues und das auch noch in einer rasanten Geschwindigkeit. Die zweite Frage, die man mir dann immer stellt ist die, nach dem Wollen. Die die Mitarbeiter müssen das auch wollen. Ja, natürlich müssen sie das wollen. Es ist aber auch nicht getan mit Können und Wollen, wenn Sie jetzt einen Mitarbeiter haben, der sich auf Neues einstellen kann und der das auch will, dann fehlt immer noch eine dritte Komponente. Und diese dritte Komponente wird meistens gewaltig unterschätzt: Er muss es auch dürfen! Wenn sie jemanden im Unternehmen damit beauftragen, dass er sich um die Digitalisierung kümmern soll und dann jemanden suchen, der das auch will und der auch die Fähigkeit hat, sich mit Dingen und neuen Sichtweisen zu beschäftigen, dann müssen Sie ihn auch lassen.

Das ist einfacher gesagt als getan, denn mit neuen Sichtweisen kommen auch gravierende Änderungen auf das Unternehmen zu. Und das ist genau der Punkt, den man vorher geklärt haben muss. Wer jemanden sucht, der verändern kann und der verändern will, den muss man auch ändern lassen! Natürlich kann man das infrage stellen und sollte das auch im Rahmen des besser werden wollens.

Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass eine Veränderung immer gut ist. Im Wesentlichen geht es darum, dass man Veränderungen zulässt und ausprobiert. Das muss man jetzt nicht im großen Stil machen. Das kann man auch in kleinen Schritten machen. Agiles Vorgehen ist hier das Zauberwort. In dem man kleine Schritte ausprobiert, direkt auf die Reaktion wartet und darauf reagiert. Man muss davon ausgehen, dass dabei Fehler passieren. Fehler sind gut an der Stelle, sofern man daraus etwas lernt. Wer aus Fehlern nichts lernt, macht etwas falsch und dann geht das Ganze natürlich schief. Nur weil jemand einen Fehler gemacht hat, heißt das noch lange nicht, dass man in diese Richtung nicht weiter arbeiten sollte. Und das ist genau der Punkt mit dem Dürfen. Man muss die Mitarbeiter Fehler machen lassen dürfen. Dann muss man natürlich schauen, dass man aus diesen Fehlern etwas gelernt hat. Tut man das nicht, dann kann man immer hingehen sagen, der Mitarbeiter darf nicht immer wieder den gleichen Fehler machen. Selbstverständlich darf er das nicht.

Fazit

Das bedeutet, Digitalisierung ist grundsätzlich ein Umdenken. Es bezieht sich nicht nur rein auf die IT, sondern auf sämtliche Prozesse in einem Unternehmen. Es kann nur Kleinigkeiten geben, die man anpasst. Es kann auf der anderen Seite aber auch große Änderungen geben und es reicht dabei nicht aus, wenn man jemanden hat, der diese Änderungen sieht bzw. sehen kann und auch sehen will, sondern man muss ihn diese Änderungen auch sehen lassen.

Es gilt, eine Balance zu finden zwischen Können, Wollen und Dürfen. Diese drei Grundlagen sind essenziell und man kann sie nicht einfach wegdelegieren, sondern Digitalisierung ist immer ein Chef-Thema. Es zieht sich von der Führungsebene eines Unternehmens bis hin zum letzten Mitarbeiter. Noch etwas ist wichtig an dieser Stelle: Nicht jeder Mitarbeiter ist gleich und das Wesentliche der Digitalisierung ist, dass sie sich auf Individuen bezieht und beziehen kann.

Neue Prozesse müssen nicht zwangsweise immer für alle gleich sein. Auch das ist vernetztes Denken. Digitalisierte Prozesse oder vernetzte Prozesse beziehen das Individuum mit ein. Das kann bedeuten, dass der eine Mitarbeiter mit viel Technik arbeitet und vieles automatisiert hat und der andere Mitarbeiter lieber manuell arbeitet. Beide kommen zum gleichen Ergebnis. Beide kommen in akzeptabler Zeit zum gleichen Ergebnis. Und es ist gut. An der Stelle muss gar nichts geändert werden. Die alte Denkweise, dass alle immer gleich sind und gleiche Arbeit machen müssen, ist mit der Digitalisierung überholt. Das Individuum steht zukünftig mehr im Mittelpunkt als der automatisierte Prozess in der Vergangenheit.

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